Emil Kraepelin wurde am 15. Februar 1856 – im gleichen Jahr wie sein Antipode Sigmund Freud – in Neustrelitz, Mecklenburg, geboren. Sein Vater war Musiklehrer und Hofschauspieler, seine Mutter stammte aus der Hofmusikerfamilie Lehmann. Kraepelin studierte in Würzburg und Leipzig Medizin – von Anfang an mit dem Ziel, Psychiater zu werden. Schon vor dem Examen und der Promotion (1878) gewann er eine Preisaufgabe und bekam mit 21 Jahren eine Assistentenstelle in der psychiatrischen Klinik in Würzburg bei Franz von Rinecker (1811 bis 1883). In den Jahren 1878 bis 1882 arbeitete Kraepelin neuroanatomisch, neuropathologisch und klinisch-psychiatrisch an der Kreisirrenanstalt München bei Bernhard von Gudden (1824 bis 1886), dem Leibarzt von König Ludwig II. Anschließend wechselte er an die neu eröffnete Klinik nach Leipzig, wo unter Paul Flechsig (1847 bis 1929) neuroanatomische und neurophysiologische Forschung im Vordergrund stand. Die Teilnahme an experimental-psychologischen Untersuchungen im Labor des Psychophysikers Wilhelm Wundt (1832 bis 1920) kostete ihn allerdings seine Stelle in der psychiatrischen Klinik. Bei Wilhelm Erb (1840 bis 1921), dem Leiter der neurologischen Poliklinik in Leipzig, habilitierte sich Kraepelin schließlich für Psychiatrie.
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Emil Kraepelin (1856 bis 1926) |
Eines der Hauptanliegen Kraepelins betraf die Gründung einer psychiatrischen Forschungsstätte in München. Trotz Kriegswirren gelang es Kraepelin mit Unterstützung des deutsch-amerikanischen Bankiers, Altertumswissenschaftlers und Mäzens James Loeb (1867 bis 1933) im Jahr 1916/17 die „Deutsche Forschungsanstalt für Psychiatrie“ als weltweit erste außeruniversitäre psychiatrische Forschungsinstitution einzurichten. Zunächst war dieses Institut in einem von Loeb gebauten Mietshaus in der Nähe der Universitätsnervenklinik am Rande der Münchner Theresienwiese untergebracht. Anläßlich eines Aufenthalts in den USA 1925 konnte Kraepelin die Rockefeller Foundation zu einer Zuwendung im sechstelligen Dollarbereich bewegen, die einen Institutsneubau nördlich des Krankenhauses München-Schwabing ermöglichte. 1928 wurde das noch bestehende Gebäude an der Kraepelinstraße 2 eröffnet. Später übernahm die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft dieses Institut, das heute Max-Planck-Institut für Psychiatrie heißt. Bereits zu Zeiten von Kraepelin verfügte dieses Institut über eigene klinische, neuropathologische, serologische und genealogische Abteilungen.
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Kraepelin mit Mitarbeiterinnen in der Bibliothek
der Nervenklinik der Universität München (um 1915) © Springer-Verlag 1983 |
Die beruflichen Perspektiven Kraepelins in der Psychiatrie erschienen zu dieser Zeit alles andere als ermutigend. Um seine Einkommensverhältnisse zu verbessern, verfasste er 1883 das „Compendium der Psychiatrie“, das bis zu seinem Tode unter dem Titel „Psychiatrie. Ein Lehrbuch für Studierende und Ärzte“ neun Auflagen erlebte. Im gleichen Jahr kehrte er als Assistent an Guddens Klinik nach München zurück.
Es folgten Jahre der finanziellen Unsicherheit, geprägt von dem Bemühen Kraepelins, eine sichere berufliche Existenz zu schaffen. 1884 trat Kraepelin eine Stelle als Oberarzt an der Irrenanstalt Leubus in Schlesien an und heiratete endlich seine sieben Jahre ältere Verlobte Ina Schwabe. Anschließend wechselte er an die städtische Irrenanstalt Dresden und wurde 1886 mit 30 Jahren Professor für Psychiatrie in Dorpat. 1891 übernahm er den Lehrstuhl für Psychiatrie an der Universität Heidelberg und die Leitung der dortigen psychatrischen Klinik. Hier entwickelte er unter anderem eine psychiatrische Methode zur Dokumentation des Krankheitsverlaufs mit so genannten „Zählkarten“ und die Grundlagen seines Klassifikationskonzeptes psychischer Erkrankungen.
Ab 1904 leitete Kraepelin die psychiatrische Klinik in München als Nachfolger von Anton Bumm (1849 bis 1903). In dieser Funktion blieb er bis zu seiner Emeritierung 1922. Unter Kraepelins Führung stieg die Münchner Klinik zum führenden psychiatrischen Zentrum mit Weltruf auf. Prominente Psychiater gehörten zu Kraepelins Schülern: Alois Alzheimer (1864 bis 1915), Robert Gaupp (1870 bis 1953), Franz Nissl (1860 bis 1919) und Wilhelm Weygandt (1870 bis 1939).
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Kraepelin bei der Visite in der Nervenklinik der Universität München (um 1910) © Springer-Verlag 1983 |
Neben seinem Hauptarbeitsgebiet, der klinischen Psychiatrie, trat Kraepelin mit Nachdruck öffentlich als Kämpfer gegen Alkohol- und Nikotinmissbrauch auf, er meldete sich auch in Fragen der Schulpsychologie und -hygiene („Überbürdung“) sowie der Arbeitsmedizin („Ermüdung“) und Kriminologie zu Wort. Die organisatorische Erneuerung des psychiatrischen Anstaltswesens, der menschliche Umgang mit Patienten und neuartige Therapieformen („Dauerbad“) gehörten gleichfalls zu Kraepelins Anliegen. Darüber hinaus kann Kraepelin als einer der Pioniere der Ethnopsychiatrie, der transkulturellen vergleichenden Psychiatrie gelten: Er unternahm zahlreiche Reisen nach Süd- und Osteuropa (Italien, Türkei), nach Nordafrika, nach Südostasien (Indien, Java) sowie nach Nord- und Mittelamerika (USA, Mexico), um die internationale psychiatrische Praxis vor Ort kennen zu lernen.
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Kraepelins „Deutsche Forschungsanstalt für Psychiatrie“,
heute „Max-Planck-Institut für Psychiatrie“, Kraepelinstr. 2 (um 1928) © Springer-Verlag 1983 |
Das Leben der Familie Kraepelin wurde von Frauen bestimmt. Ina Kraepelin war nicht nur Mutter von vier Töchtern sondern unterstützte beständig auch die wissenschaftliche Arbeit ihres Mannes – vier weitere Kinder waren im Kleinkindalter verstorben. Und die Töchter genossen eine für damalige Verhältnisse fortschrittliche Erziehung, in der auch künstlerische, naturwissenschaftliche und sportliche Betätigung sowie akademische Ausbildung gefördert wurden. Emil Kraepelin starb am 7. Oktober 1926 in München. Die selbst gewählte Inschrift auf seinem Grabstein in Heidelberg lautet: „Dein Name mag vergehen. Bleibt nur dein Werk bestehen.“