Erstmals im Jahr 1883 erschien Kraepelins „Lehrbuch der Psychiatrie“ unter dem Titel „Compendium der Psychiatrie“, Motivation war zunächst die Aufbesserung seiner Einkünfte in einer Lebensphase existenzieller Unsicherheit. Kraepelin überarbeitete und erweiterte dieses Standardwerk kontinuierlich bis zur neunten Auflage, die im Jahr 1927 erschien und von seinem Schüler Johannes Lange ergänzt worden war. Noch drei Tage vor seinem Tod hatte der Autor am Vorwort geschrieben. Somit zeigen sich in den konsekutiven Ausgaben dieses Werks Fortschritte und Veränderungen der bevorzugt klinisch-psychiatrischen Perspektiven des führenden Psychiaters seiner Zeit über eine Spanne von mehr als 30 Jahren.
Seine Hauptaufgabe als forschender Psychiater sah Kraepelin in der Klärung der Frage der „Mechanik der Geisteskrankheiten“.
„…wenn einerseits die Anomalien in dem Ablaufe der physiologischen Vorgänge unserer nervösen Centralorgane, andererseits die mit ihnen zusammenhängenden psychischen Functionsstörungen genau bekannt wären…“, wären Kraepelin zufolge die ungelösten Fragen der Psychiatrie als gelöst zu betrachten: „Wir wären alsdann im Stande, aus den psychischen Symptomen auf die pathologischen körperlichen Grundlagen derselben, sowie weiterhin auf die Ursachen des ganzen Krankheitsprocesses zurückzuschliessen und umgekehrt.“
Kraepelin hat mit diesem Ansatz die Richtung zukünftiger psychiatrischer Forschung maßgeblich bestimmt. Mit aktuellen hochtechnisierten Bildgebungsverfahren gelingt es heute durchaus, körperlich-psychische Funktionszusammenhänge deutlich zu machen. Von einer überzeugenden Antwort auf die Frage nach dem Zusammenhang von Körper und Psyche sind wir wohl dennoch weit entfernt. Kraepelin selbst war sich des ungeheuren Ausmaß einer solchen Fragestellung sehr wohl bewusst und sah die Ordnung, Klassifizierung und Systematisierung krankhafter psychischer Zustände als seine erste Aufgabe an.
Die jeweils neu überarbeiteten Auflagen seines Lehrbuchs geben Auskunft über die Fort- oder Rückschritte in der Bewältigung dieser Aufgabe – eine Aufgabe, die der Empiriker und Pragmatiker Kraepelin vor allem durch langfristige Verlaufsbeobachtungen der Symptomatik sowie durch Anwendung innovativer Untersuchungs- und Dokumentationsmethoden zu lösen versuchte. Nach Ansicht Kraepelins sollte die „psychiatrische Krankheitseinheit“ („Krankheitsentität") das Ergebnis aller Bemühung sein.
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Titelblatt der ersten Auflage von Kraepelins Psychiatrie-Lehrbuch (1883) |
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Titelblatt der sechsten Auflage von Kraepelins Psychiatrie-Lehrbuch (1899) |
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Titelblatt der achten Auflage von Kraepelins Psychiatrie-Lehrbuch
(1909 bis 1913) |
Kraepelin, Emil: Psychiatrie. Lehrbuch für Studirende und Aerzte. Zwei Bände. Sechste, vollständig umgearbeitete Auflage 1899, Johann Ambrosius Barth Leipzig. Großoktav, XIII, 362 und X, 607 Seiten.
Band I enthält die „Allgemeine Psychiatrie“, Band II, ausgestattet mit sechs Tafeln in Autotypie, dreien in Photographie, 16 Curven, 3 Diagrammen und 13 Schriftproben, bearbeitet die „Klinische Psychiatrie“.
„Seine klassische Form erhielt dieses Lehrbuch in seiner 6. Auflage, in die zum ersten Male die beiden großen Gruppen der psychotischen Erkrankungen eingeführt wurden: die Dementia praecox, die heute unter dem schizophrenen Formenkreis erfasst wird, und das manisch-depressive Irresein, heute erweitert und generalisiert zur Form der Zyklothymie.“ (Schipperges H; In: Die berühmten Ärzte)
In der Einleitung zur achten Auflage (1909) seines Lehrbuchs skizziert Kraepelin die grundlegenden Aufgaben und Fragestellungen des Psychiaters und der Psychiatrie. Einige Kernthesen (mit von Kraepelin selbst hervorgehobenen Textstellen) werden hier auszugsweise vorgestellt:
„Psychiatrie ist die Lehre von den psychischen Krankheiten und deren Behandlung. Ihren Ausgangspunkt bildet die wissenschaftliche Erkenntnis des Wesens der Geistesstörungen.“ (Seite 1)
„Niemand wagt es mehr, zu bezweifeln, daß Geistesstörungen Krankheiten sind, die der Arzt zu behandeln hat. Wir wissen jetzt, daß wir in ihnen die psychischen Erscheinungsformen mehr oder weniger feiner Veränderungen im Gehirne, insbesondere in der Rinde des Großhirns, vor uns haben. Mit dieser Erkenntnis hat die Psychiatrie bestimmte, klare Ziele gewonnen, denen sie mit den Hilfsmitteln und nach den Grundsätzen naturwissenschaftlicher Forschung entgegenstrebt.“ (Seite 3)
„Vor allem wird uns die Beobachtung am Krankenbette eine möglichst umfassende und eingehende Kenntnis der klinischen Krankheitsformen zu liefern haben.“ (Seite 3)
„Was man mit Recht vom Arzte verlangt, ist die Vorhersage des Kommenden. Sobald wir imstande sind, aus dem gegenwärtigen Zustande eines Kranken die weitere Entwicklung seines Leidens mit Wahrscheinlichkeit vorauszubestimmen, ist der erste wichtige Schritt zu einer wissenschaftlichen und praktischen Beherrschung des Krankheitsbildes geschehen.“ (Seite 4)
„Einer der Hauptgründe für diese Unvollkommenheit unserer Wissenschaft liegt in der ungemein langen Dauer der Geisteskrankheiten. Einerseits gibt es viele unheilbare Formen, die in allmählichem Wechsel der Zustände das ganze Leben ausfüllen; andererseits aber sehen wir bei einigen Hauptgruppen des Irreseins das Leiden in abgegrenzten, weit auseinander liegenden Anfällen verlaufen oder doch jahrelang Stillstand machen, so daß die innere Zusammengehörigkeit der einzelnen Anfälle oder Nachschübe nur bei genauer Kenntnis der ganzen Vergangenheit überblickt werden kann.“ (Seite 4)
„Ist es uns gelungen, die klinischen Erfahrungen so weit zu verarbeiten, daß wir Krankheitsgruppen mit bestimmten Ursachen, bestimmten Erscheinungen und bestimmtem Verlaufe aufstellen können, so wird es unsere Aufgabe sein, in das Wesen des einzelnen Krankheitsvorganges einzudringen. Ein wichtiger und auch bereits vielfach betretener Weg zu diesem Ziele ist derjenige der pathologischen Anatomie.“ (Seite 5)
„Das Gehirn ist ein Teil des Gesamtkörpers. Seine Erkrankungen sind vielfach nur Ausdruck von Schädigungen, die zunächst in irgend einem anderen Körpergebiete entstanden sind. Um zu einem Verständnisse der Krankheitsvorgänge zu gelangen, die dem Irresein zugrunde liegen, haben wir daher dem Zustande des ganzen Organismus die genaueste Beachtung zu schenken und alle Hilfsmittel in Anwendung zu bringen, die uns dort irgendwo Störungen aufdecken.“ (Seite 7)
„Wir müssen es daher als unsere Aufgabe betrachten, auch jene Gesetze kennen zu lernen, welche den Ablauf der Seelenvorgänge beherrschen. Glücklicherweise hat sich aus dem Schoße der Physiologie heraus, namentlich in den letzten Jahrzehnten, auch die Psychologie zu einer Erfahrungswissenschaft entwickelt, die auf dem Wege der Naturforschung ihren Gegenstand erfolgreich zu bearbeiten begonnen hat. Es ist, wie schon die bisherige Arbeit gezeigt hat, nicht unmöglich, mit Hilfe jener jungen Wissenschaft zu einer Physiologie der Seele zu gelangen, die auch der Psychiatrie eine brauchbare Grundlage zu liefern vermag.“ (Seite 8)
„Wie wir vielleicht hoffen dürfen, wird uns das Zusammenarbeiten von klinischer, anatomischer und psychologischer Forschung, unterstützt durch andere Hilfswissenschaften, allmählich auch dem letzten, höchsten Ziele unserer Wissenschaft näherbringen, der Aufdeckung der gesetzmäßigen Beziehungen zwischen körperlichen und seelischen Veränderungen.“ (Seite 9)
„Ein Punkt ist es jedoch, welcher den Geisteskrankheiten eine besondere Stellung gegenüber allen übrigen Leiden anweist: das ist ihre außerordentliche soziale Bedeutung. Das Irresein gehört unter allen Umständen zu den schwersten Erkrankungen, die es überhaupt gibt.“ (Seite 12)
„Mehr Mut zu Kraepelin!“ in Deutschland, möchte man sagen angesichts der hochaktuell anmutenden programmatischen Äußerungen Kraepelins in der Einleitung des Lehrbuchs von 1913.
Kraepelins Bedeutung für die Psychiatrie war schon zu seinen Lebzeiten nicht zu überschätzen. Zahlreiche Schüler trugen zur Verbreitung seiner psychiatrischen Auffassungen weltweit bei. Insbesondere in den USA gibt es mindestens seit etwa dreißig Jahren eine Anhängerschaft von Kraepelins Gedankengut, die unter der Bezeichnung „Neokraepelinians“ geführt wird. Vielleicht hat diese Kraepelin-Rezeption mit dazu beigetragen, dass die amerikanische Psychiatrie heute international führend ist.